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Bildhauerkurs

Am Stein wieder Selbstvertrauen erwerben

Zweiter Bildhauer-Kurs der Psychiatrie-Stiftung Offenbach bringt erstaunliche Ergebnisse/Objekte werden präsentiert

Offenbach, Oktober 2010.- Sie mühen sich um den Stein mit Stichel, Meißel und Feile. Zehn Patienten der Tagesklinik der Psychiatrischen Abteilung des Klinikums Offenbach wollen im Rahmen eines zweiwöchigen Bildhauer-Kurses verschüttete Kräfte wecken, damit Vertrauen zu sich selbst und wieder Lebenssicherheit gewinnen. Unter der Leitung des bekannten Offenbacher Bildhauers Gabriele Renzullo entstehen aus den Händen der sechs Frauen und vier Männer die unterschiedlichsten Plastiken aus Speckstein. Initiiert und finanziert wird der Kurs von der Psychiatrie-Stiftung Offenbach. Mit von der Partie ist auch die Ergotherapeutin der Tagesklinik.

Draußen vor der Werkstatt klingt der typische helle und klare Klang, der ertönt, wenn Metall auf Stein trifft. Unter strahlendem Herbsthimmel über einen Sandsteinblock gebeugt, schlägt ein kräftiger Mann rhythmisch mit dem Meißel Splitter für Splitter aus dem vierkantigen, säulenartigen Stein. Es sieht schon professionell aus, wie der 44-Jährige Hammer und Meißel einsetzt. „Das tut mir außerordentlich gut“, sagt er. Der gelernte Schreiner laboriert schon seit Jahren an einer erheblichen psychischen Beeinträchtigung. Für ihn ist das Angebot der Psychiatrie-Stiftung die Chance, sich selbst aus einer krankhaften Antriebsschwäche herauszuziehen und wieder Selbstvertrauen zu gewinnen. „Hier bin ich beschäftigt, bevor ich zu Hause nur rumhänge“, bekennt er freimütig. Als Ergebnis dieser Aktivität kann er bereits eine Plastik vorweisen. Die betenden Hände aus Speckstein zeigen eine erstaunliche Fertigkeit, mit dem Material umzugehen und ihm spezifische, künstlerische Gestalt zu geben.

Über dem Tisch, an dem die Männer und Frauen arbeiten, liegt eine fast mit Händen zu greifende Konzentration und Intensität. Jeder werkt völlig vertieft an seinem Objekt. Eine junge, zierliche Frau hat dem hellgelben Material die Gestalt einer Sphinx gegeben. Immer wieder vergleicht sie das bildhauerische Produkt mit dem zeichnerischen Entwurf, den sie vor sich liegen hat. Wie die anderen Teilnehmer wendet sie sich zwischendurch an den künstlerischen Leiter. Und Gabriele Renzullo, der Profi am Stein, gibt mit großem Einfühlungsvermögen und pädagogischem Geschick Tipps und Fingerzeige. Geduldig zeigt und demonstriert er, wie man den Stichel oder die Feile ansetzen und führen muss, um ein bestimmtes Ergebnis zu erzielen. Der zur Zeit überwiegend auf Ischia, seiner ursprünglichen Heimat, lebende Künstler hilft mit sanfter Hand jedem einzelnen, seine ureigene Idee so umzusetzen, dass aus dem Stein das heraustritt, was sein Bearbeiter hervorbringen möchte. „Ich greife nur ein, wenn ich sehe, dass einer in die falsche Richtung gerät und zu scheitern droht“, erläutert Renzullo seine Aufgabe.

Immer wieder ist der Bildhauer, der 35 Jahre in Offenbach arbeitete und lebte, begeistert, wie die Teilnehmer des Kurses aufleben, wenn sie sich selbst taktil erfahren, wenn sie sprichwörtlich das Material und damit ihre Umwelt ergreifen und begreifen. Nicht minder erstaunt und erfreut ist Gabriele Renzullo, wenn er erlebt, „wie die Teilnehmer von ihren eigenen kreativen Möglichkeiten überrascht sind.“
Das genau ist es, was der von der Psychiatrie-Stiftung schon zum zweiten Mal veranstaltete Bildhauer-Kurs auf dem Gelände der Tagesklinik bewirken soll.
„Wir wollen den Patienten die Möglichkeit geben, wieder Vertrauen zu sich selbst und zu den in ihnen verschütteten Potentialen zu gewinnen“, sagt Dr. Renate Engfer. Die Geschäftsführerin der Stiftung und Leiterin der Tagesklinik weiß, dass gerade das sich Abmühen an einem solch spröden Material, wie es der Stein ist, psychisch kranke Menschen vor Herausforderungen stellt. Gefordert sind dabei Ausdauer und Beharrlichkeit, die viele von ihnen mit dem Verlust des Vertrauens in ihre Kräfte zeitweise eingebüßt haben. „Das wollen wir wieder wecken und hervorbringen“ betont Renate Engfer.

Für den Erfolg und die daraus entstehende persönliche Bestätigung der Teilnehmer, die auch in der gelungenen Arbeit zum Ausdruck kommen, ist noch zusätzlich gesorgt. Die Stiftung wird die Kunstwerke, die alle ihr Eigentum sind, als dauernde Objekte präsentieren. Im Garten der Klinik sind bereits seit fünf Jahren die künstlerischen Ergebnisse des erfolgreichen ersten Bildhauer-Kurses zu besichtigen.

Wolfgang Fleckenstein

Das Spendenkonto der Stiftung lautet:

Sparkasse Offenbach
Konto: 390 1661
BLZ: 505 500 20